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“Gebrauchsanweisung für Deutschland”

Mieko Fisch, in Berlin lebende Japanerin, hat einen Leitfaden für ihre Landsleute geschrieben

Der erste Eindruck von Mieko Fisch ist verwirrend. Die Japanerin ist freundlich, aber sie lächelt nicht. Ein japanisches Gesicht ohne Lächeln – das sieht man nicht oft. In Japan lächelt man ohne Grund, und man meint es freundlich, erzählt Mieko Fisch. In Deutschland fühlen sich die Menschen ausgelacht. Einmal hat ein Arbeitskollege sie laut beschimpft: "Warum lachst du, was ist denn daran so komisch?" Danach hat sie sich das Lächeln abgewöhnt, oder versucht es zumindest. Nur manchmal, wenn sie in Verlegenheit gerät, passiert es ihr noch automatisch, sagt sie.

Das Lächeln ist nicht die einzige japanische Eigenart, mit der Mieko Fisch bei den Deutschen auf Unverständnis gestoßen ist. Als sie vor 24 Jahren nach Deutschland kam, wollte sie eigentlich nur eine japanische Freundin besuchen. Dann hat sie ihren Mann, einen Deutschen, kennen gelernt und ist gleich da geblieben. Die Tragweite dieses spontanen Entschlusses wurde ihr erst mit der Zeit bewusst. Sie war ohne jede Vorbereitung auf die fremde Kultur hergekommen und fand sich plötzlich in einer Welt wieder, deren Spielregeln sie nicht beherrschte.

[...]

Dass man in Deutschland seine Wünsche immer klar formulieren muss, um etwas zu erreichen, war die allergrößte Hürde für die Japanerin. In ihrem Heimatland verbietet es die Höflichkeit, alles zu sagen, was man denkt und will. Stattdessen erwartet man vom Gegenüber, dass er einen auch so versteht. Dass er zum Beispiel Kaffee serviert, obwohl man nein gesagt hat. Oder dass er davon ausgeht, dass man zur Toilette muss, die anderen aber nicht stören möchte, wenn man mitten im Gespräch plötzlich wortlos verschwindet. Unter Japanern ist es absolut verpönt, sich in den Vordergrund zu spielen, erklärt Mieko Fisch. In Deutschland führte ihre Zurückhaltung dazu, dass sie nicht ernst genommen wurde. Bei den Diskussionen im Kollegenkreis hat sie oft geschwiegen, anstatt ihre Meinung zu sagen. Dann hat sie irgendwann festgestellt, dass alle dachten, sie verstehe gar nicht, worum es geht. "Aber wenn meine Meinung schon von jemandem vorgetragen worden ist, dann brauche ich das doch nicht nochmal zu wiederholen, so ist das in Japan. Aber hier muss man sagen, ich denke auch so. Ich, ich, immer ich. Das ist sehr schwer zu lernen für Japaner."

[...]

Ein weiteres wichtiges Thema ist das Vertrauen. Mieko Fisch rät ihren Landsleuten, in Deutschland besonders vorsichtig zu sein. Sie sollten nicht wie in ihrer Heimat auf Treu und Glauben alles unterschreiben, was ihnen vorgelegt wird, sondern sich vor Betrügern in Acht nehmen. Andererseits dürfen sie es nicht als persönliche Kränkung auffassen, wenn man sie in Deutschland bei jeder Gelegenheit nach ihrem Ausweis fragt. Dass das Lebenstempo in Deutschland gemächlicher ist, daran müssen sich Japaner ebenfalls gewöhnen. Mieko Fisch warnt ihre Landsleute, dass sie mit ihrer landestypischen Ungeduld in Deutschland nicht weit kommen. Statt dessen müssen sie lernen, im Supermarkt in der Schlange zu stehen oder im Restaurant auf den Kellner zu warten. In Japan hingegen geht man wieder, wenn man nicht sofort bedient wird.

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Neben solchen mentalitätsbedingten Schwierigkeiten behandelt Mieko Fisch in ihrer Broschüre viele rechtliche und organisatorische Fragen. ... Hätte sie selbst damals all diese Informationen gehabt, wäre ihr manch peinliche Situation erspart geblieben, sagt die Japanerin. Eine Unterstützung von deutscher Seite bekommt sie für ihre Broschüre allerdings nicht. Denn mit Blick auf die Leserschaft hat sie die "Gebrauchsanweisung für Deutschland" auf japanisch geschrieben. Einen Zuschuss gibt es aber nur für Texte in deutscher Sprache. "Typisch deutsch," sagt Mieko Fisch, "diese starren Vorschriften, die vielen, vielen Gesetze." Und dann lächelt sie.

(General-Anzeiger Bonn, 20. November 1999)

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