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“Ohren, Augen, Neugier”

Ein Interview mit der Übersetzerin Gertraude Krueger

Ärgern Sie sich, wenn Sie schlecht übersetzte Bücher lesen?

Ja, auf jeden Fall! Das ist sogar so, dass einem da ein gewisser Rotstift in der Tasche aufgeht, dass man denkt, hier möchte man was anders machen und da möchte man was anders machen. Manchmal sind es auch nur Kleinigkeiten, und dann juckt es einen ganz besonders. Denn eigentlich ist es okay, und an einer Stelle stimmt es nicht. Und dann denkt man, ah, warum hat das keiner gemerkt? Und ich muss leider sagen: Es kommt oft vor.

Was braucht ein guter Übersetzer?

Ohren und Augen erst mal. Zuhören, wie die Leute reden. Einen Raffzahn, also an allen möglichen Stellen irgendwas aufzuschnappen, was Möglichkeiten der deutschen Sprache sind, auch was Situationen sind, auf die ich Sachen, die in der Literatur vorkommen, projizieren kann: Personen, Situationen, Gerüche. Sowohl zu Hause in Deutschland als auch im Ausland. Neugier - vielleicht kann man es so zusammenfassen.

Ich gehe zum Beispiel auf den Markt und höre mir an, wie die Leute reden. Ich frage meinen Friseur aus. Ich gebe ja Unterricht, und meinen Studenten höre ich sehr genau zu, was jetzt im Schwange ist, unter welchen Ausdrücken sie was verstehen, was sie nicht verstehen. Man kann gar nicht genug Zeitung lesen, speziell über die anderen Länder. Was passiert da, welche Personen sind wichtig, welche Witze kursieren? Auch die deutschen Zeitungen: Welche Sprache herrscht da vor, welche neuen Entwicklungen gibt es?

Was war Ihre schönste eigene Übersetzung?

Ein sehr wichtiges Buch war für mich von Julian Barnes die Geschichte der Welt in zehneinhalb Kapiteln. Das war eine wirklich große Herausforderung. Ich weiß noch genau, ich habe das Buch gelesen und dachte mir, ich kann das nicht übersetzen! Und als ich fertig war, war ich so glücklich, dass es doch geklappt hatte. Da dachte ich, jetzt hab ich es geschafft, jetzt ist es rund, und jetzt kann man es gut lesen. Und das ist etwas, was einem Auftrieb gibt, weil man sieht, was man sich zutrauen kann. Man muss nur erst den Zugang dazu finden, und dann klappt es doch. Das braucht man auch für die dunklen Momente, wo man zweifelt und sagt, ich kann das nicht oder es geht nicht und ich sollte ganz was anderes machen

Sie sind ja sehr abhängig von dem Ruhm, den der Autor hat. Stört Sie das?

Ja. Im Prinzip ist das Bestandteil dieses Berufes, aber es ist traurig. Das Renommee des Übersetzers steht und fällt mit dem Renommee des Originalautors. Das geht bis hin zu Preisverleihungen, da ist eine große Unfairness drin. Und dazu kommt noch, dass man mit einem nicht so guten Autor genauso viel Arbeit hat wie mit einem sehr guten. Nur weiß man ständig und auf Schritt und Tritt: Es kommt trotzdem kein besonders gutes Buch dabei raus.

In Buchrezensionen werden wir häufig nicht einmal erwähnt oder nur 'abgefloskelt', wie die Kritiker es nennen. Also dieser berühmte Spruch ganz hinten, vorletzter Satz oder so was: “Dieses Buch in der eleganten oder flüssigen oder adäquaten oder getreuen Übersetzung von XY gehört unter jeden Weihnachtsbaum”. Das ist einfach intellektuell nicht befriedigend. Das Einzige, was an Information rüberkommt, ist: Der Kritiker hat gemerkt, dass es eine Übersetzung ist. Es gibt auch den Fall, dass die Sprache des Autors über den grünen Klee gelobt wird - das ist mir selbst passiert - oder kritisiert wird, ohne dass gesagt wird, dass es eigentlich nicht seine Sprache ist.

Herr Reich-Ranicki behauptete, dass sich jeder Übersetzer in seinen Autor verliebt. Ist Ihnen das schon einmal passiert?

Ich habe im Idealfall ein persönliches Verhältnis zu den Autoren, das nicht Verliebtheit sein muss, aber es muss schon ein Schwingen auf der gleichen Ebene sein. Aber ich habe mich schon in Gestalten aus Büchern verliebt. In Oliver zum Beispiel aus Julian Barnes' Darüber reden. Ich fürchte, das wäre schlecht ausgegangen. Aber doch, wir hatten ein sehr intensives Verhältnis über ein halbes Jahr miteinander (lacht).

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