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“Wer nicht wagt, kommt nicht nach Waldheim”

Das Sächsische Strafvollzugsmuseum zeigt die dunkle Geschichte der JVA Waldheim. Ein Besuch im ältesten Gefängnis Deutschlands

Waldheim ist ein kleines Städtchen im Sächsischen Bergland mit einem schmalen Fluss und schönen alten Häusern. "Perle des Zschopautales" nennt sich die Stadt und schmückt ihre Ansichtskarten mit Bildern von der malerischen Landschaft. Was jedoch auf allen Postkarten fehlt, ist das Gebäude, für das Waldheim eigentlich bekannt ist: das Gefängnis. Es wurde 1716 von August dem Starken als Zucht-, Armen- und Waisenhaus gegründet und ist das älteste noch funktionierende Gefängnis Deutschlands. Die 'Waldheimer Prozesse' in den fünfziger Jahren und der harte DDR-Strafvollzug haben das Image des Gefängnisses allerdings nachhaltig lädiert.

Um der Bevölkerung zu zeigen, dass in Waldheim neue Zeiten angebrochen sind, betreibt die Justizvollzugsanstalt heute intensive Öffentlichkeitsarbeit. Verangenheitsbewältigung steht auf dem Programm, und deshalb gibt es seit zweieinhalb Jahren ein kleines Museum innerhalb des Gefängnisareals. Es zeigt die fast dreihundertjährige Geschichte des Waldheimer Strafvollzugs und ist für jeden zugänglich, der sich vorher angemeldet hat. Nach Ausweiskontrolle und Abgabe von Handys und Fotoapparaten wird der Besucher vom Museumsleiter in Empfang genommen. Klaus Brendecke geht mit klirrendem Schlüsselbund voran. Der Weg führt über Treppen und lange Flure durch den Verwaltungstrakt. Die Angestellten grüßen freundlich, vor den Fenstern hängen Gardinen. Trotzdem sieht man, dass sie vergittert sind, und dahinter erkennt man den Hof mit mehreren Hafthäusern.

"In der Mitte des Hofes stand früher eine Strafsäule", erklärt Klaus Brendecke. "Die Häftlinge wurden nach ihrer Einlieferung erst einmal dort angekettet, das war das damalige Begrüßungsritual. Die Zuchtmeister vollführten dann den sogenannten Willkomm, zwischen 12 und 24 Peitschenhiebe. Der Willkomm war keine Disziplinarstrafe, sondern die Züchtlinge sollten spüren, dass sie nun im Zuchthaus Waldheim angekommen sind."

Als Ausstellungsstück wirkt die Strafsäule nicht besonders furchterregend, vielleicht weil wir sie heute mit unserer Körpergröße fast überragen. Ein Gruselkabinett will das Museum aber auch gar nicht sein, sagt Klaus Brendecke. Mit nüchterner Distanz gibt er Auskunft über die Gegenstände, die er mit seiner Arbeitsgruppe zusammen getragen hat: Die berühmte Kugel, die in früheren Jahrhunderten an den Häftlingsfuß gekettet wurde, Anstaltskleidung aus den verschiedenen Epochen oder ein Kübel, auf dem die DDR-Häftlinge ihre Notdurft verrichten mussten. Besondere Detailkenntnis beweist der Museumsleiter bei dem Kapitel über die Gefängnis-Subkultur, wie er es nennt. Es zeigt Ausbruchswerkzeuge, Tätowieruntensilien und diverse Modelle selbstgebastelter Alkoholbrennanlagen. Die Häftlinge dürfen übrigens nicht in die Ausstellung, sagt Klaus Brendecke, damit sie sich keine Anregungen holen.

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Der Schriftsteller Karl May ist der wohl berühmteste Häftling Waldheims.Viele halten ihn für einen Ganoven, weil seine so authentischen Beschreibungen des wilden Westens allein seiner Phantasie entsprungen sind. Doch das war nicht der Grund, warum er für vier Jahre im Gefängnis landete. Als er seine kriminelle Karriere begann, hatte Karl May noch einen anständigen Beruf: Er war Lehrer in Chemnitz. "Und eines Tages, es war um Weihnachten," erzählt Klaus Brendecke, "hat er seinem Zimmernachbarn eine silberne Taschenuhr und eine Zigarrenpfeife weggenommen. Diese Sache ist zur Anzeige gekommen, und danach ging es mit Karl May bergab. Er hat mehrere kleine Straftaten begangen, unter anderem Akten gefälscht und ein Pferd geklaut. 1870 kam er dann als Wiederholungsstraftäter nach Waldheim."

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Traurige Berühmtheit erlangt Waldheim in den fünfziger Jahren, durch eine Reihe von Schnellprozessen gegen vermeintliche NS-Verbrecher. Diese 'Waldheimer Prozesse' gelten als Modellfall SED-gesteuerter Scheinjustiz. Etwa 3400 Personen wurden in Geheimverhandlungen zu 15 Jahren Zuchthaus und mehr verurteilt, 34 zur Todesstrafe.

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Zwischen 1950 und 1990 ist so gut wie nichts an die Öffentlichkeit gelangt, sagt Klaus Brendecke. Doch die Menschen ahnten wohl, dass die Waldheimer Häftlinge nicht gerade mit Samthandschuhen angefasst wurden. Nur die Strafanstalt Bautzen, wo überwiegend politische Strafgefangene einsaßen, war als noch unmenschlicher verschrien. Das Waldheimer Klientel hatte andere 'Verbrechen' auf dem Kerbholz: Zu Anfang der DDR-Zeit waren etwa 200 Zeugen Jehova dort eingesperrt, außerdem eine große Anzahl von Männern, die wegen ihrer Homosexualität verurteilt worden waren. Später landeten viele Republikflüchtige in Waldheim. 'Wer nicht wagt, kommt nicht nach Waldheim', ist ein geflügeltes Wort aus DDR-Zeiten.

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(Neue Zürcher Zeitung, 4. August 2000)

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